Vom Schreibaby zum Spielekind? Welche Rolle spiele ich als Mama dabei?

 

Die Möwe war am Anfang ihres Lebens sehr anstrengend. Nur mit einem Maximum an Nähe und Aufmerksamkeit war sie zufrieden. Ich erinnere mich noch an Zeiten, in denen sie wie am Spieß schrie und schwer zu beruhigen war, sobald sie müde wurde. Dann musste ich zwei Stunden mit meinem Tragling spazieren gehen und durfte dabei nicht stehen bleiben, damit sie überhaupt schläft. Und das mehrmals täglich. Ich kam zu nichts mehr. Abwasch? Putzen? Saugen? Wäsche waschen? Oder gar Einkaufen und Kochen? Nein, dafür blieb absolut keine Zeit. Die Möwe brauchte mich ununterbrochen. Und das meine ich auch wirklich so. Ununterbrochen. Ich hatte keine Pause. Ich war froh, wenn ich morgens im Schnelldurchgang mein Gesichtwaschenzähneputzenhaarekämmenumziehen ohne Unterbrechungen durchziehen konnte. Das war wirklich anstrengend und ich war teilweise am tränenreichen Ende meiner Kräfte. Mutter sein hat sich wie Selbstaufgabe, Aufopferung angefühlt. Unter Leute gehen war bei bestem Willen nicht machbar. Ich vereinsamte zu Hause. Dass es mir zu der Zeit total dreckig ging, weiß kaum jemand. Aber ich hatte auch nicht das Gefühl, dass es jemanden in meinem Freundeskreis gibt, der sich in meine Lage hätte versetzen können oder meine Situation nur in Ansätzen verstehen kann. Schön ist anders.
Dagegen ist unsere Tochter jetzt ein Bilderbuchbaby. Ziemlich pflegeleicht, fröhlich und im Großen und Ganzen sehr zufrieden. Sie kann sich sehr lange mit einzelnen Gegenständen beschäftigen. Vor allem neue, unbekannte Sachen werden vorsichtig gegriffen, mit Bedacht gedreht und gewendet, kritisch beäugt, mit Händen und Mund betastet, geschüttelt und auf den Boden geklopft. Ich kann ihre Neugier und den Wissensdurst jeden Tag aufs neue erleben. Ich versuche sie sowohl drinnen als auch draußen so viel wie möglich erforschen zu lassen.
Die Orte, an denen das Möwenbaby zu Hause spielt, habe ich euch schon IN DIESEM ARTIKELgezeigt. Und dadurch, dass sie in jedem Zimmer eine Beschäftigung findet, habe ich genug Zeit, um den Haushalt zu schmeißen. Zur Zeit kann ich alles. Abwasch? Putzen? Saugen? Wäsche waschen? Und sogar Einkaufen und Kochen? Jo, schaffe ich! Und wenn ich will, sogar alles an einem Tag. (Naja, jetzt haben wir einen Geschirrspüler. Der trägt auch seinen Teil dazu bei.) Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Kleine einfach nebenher läuft. Irgendwie bin ich fast wie so eine Waldorferzieherin, die den ganzen Tag haushaltet und die Kinder ganz ohne Einfluss von Erwachsenen spielen können. Die Möwe spielt stundenlang alleine. Meist direkt in meiner Nähe. Manchmal unternimmt sie auch einen kleinen Ausflug ins Nebenzimmer. Danach kommt sie aber wieder zurück. In regelmäßigen Abständen sucht sie meine Nähe. Dann wird getobt, gekuschelt, geknutscht, rumgeblödelt, Kuck-Kuck gespielt, auf Mamas Körper geturnt, aus dem Fenster geschaut, gewickelt,… Dringend wird es, wenn sie müde oder hungrig ist. Meist stille ich sie dann auf der Couch und sie schläft dabei ein. Dann kuscheln wir bis sie wieder aufwacht. Manchmal lasse ich sie aber auch auf der Couch liegen und kann irgendetwas erledigen. Wenn sie wieder wach ist, wird das ausgeräumt, was die Möwenmama vor kurzer Zeit aufgeräumt hatte.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich zu wenig mit der Möwe „mache“. Müsste ich nicht viel mehr mit ihr singen? Vielleicht noch ein paar Kniereiter üben? Ihr zeigen, wie man einen Turm baut? Oder schon mal mit ihr Bücher anschauen? Aber dann denke ich: Nein, es ist gut, dass die Möwe sich so gut alleine beschäftigen kann. Dieses Spielverhalten ist ja wünschenswert. Ich hoffe, dass ich ihr immer diesen Freiraum bieten kann. Ich, als Mama, muss mich zurückhalten. Ich möchte sie spielen lassen und ihr Spiel nie unterbrechen. Ich lasse ihr Zeit und gebe ihr Raum. So kann sie lernen. Sie soll sich entfalten und ausleben können. Ich möchte das Spiel nicht lenken. Das kann sie ganz alleine. Und wenn sie mich braucht, bin ich für sie da.
Letztens waren wir etwa eine Stunde auf dem Spielplatz vor unserer Haustür. Ich hatte mir eine Decke, eine Flasche Wasser und eine Zeitschrift mitgenommen. Die Möwe saß im Sand mit ihrem obligatorischen Eimerchen und einer Plastikschippe. Und ja, was soll ich sagen? Auch wenn sie noch so jung ist (oder vielleicht gerade deshalb?!), war sie die komplette Zeit alleine beschäftigt. Sie leckte ihr Spielzeug ab, fuhr mit den Fingern durch den Sand, krabbelte ein kleines Stücken, zog sich an der Sandkastenbegrenzung hoch, schaute zu mir, lachte mich an. Ich beobachtete sie die ganze Zeit und lachte zurück. Dann erkundete sie wieder den Sand, die Steine, die Stöcker, die Baumrinde, das Gras. Als ein weiteres Kind dazu kam, beobachtete sie es sehr intensiv. Ihre Blicke folgten der Schaukel. Auf. Und nieder. Auf. Und nieder. Auf. Und nieder. Ich blätterte währenddessen etwas in meiner Zeitschrift. Mit der Zeit schweiften meine Gedanken durch Raum und Zeit. Ich hasse es, wenn Eltern auf der Spielplatzbank am Handy hängen. Mir kommt es immer so vor, als ob sie unendlich egoistisch und genervt von ihren eigenen Kindern sind. Ich frage mich, ob sie für den Zauber, den ein spielendes Kind versprüht, unempfänglich geworden sind. Wenn mein Kind spielt, zelebriere ich das innerlich. Mich erfreut es, wenn sie sich und ihre Umwelt erlebt. Wenn sie sich ausprobiert und ihrer Neugier nachgeht. Das ist besser als jedes Fernsehprogramm oder Handyspiel. Doch andererseits kann ich es auch nicht leiden, wenn die Eltern sich so stark ins Spiel einmischen, dass man schon fast denken könnte, dass sie etwas aus ihrer eigenen Kindheit nachholen müssen. Und noch schlimmer sind die Eltern, die jeden Schritt ihrer Liebsten kommentieren müssen. „Das ist nicht deine Schippe.“ „Das ist noch zu hoch für dich.“ „Möchtest du jetzt auch mal schaukeln oder wollen wir zur Rutsche gehen?“ „Da musst du erst fragen.“ „Dafür bist du noch zu klein.“ „Pass auf!“ Tudieslassdasseindasgehtnichtsomussdas… Es scheint so, als ob sie ihren Kindern nicht zutrauen, dass sie sich selbst beschäftigen können oder sie für alles eine Anleitung bräuchten. Oder ist es etwas anderes? Ich selbst habe mich ehrlich gesagt auch komisch gefühlt, als das Möwenbaby innerhalb von einer ganzen Stunde so gut wie gar keine Interaktion mit mir suchte. Ich hatte den Drang, dass ich mich, um eine „gute Mutter“ zu sein, mehr einbringen müsste. Ich fühlte mich so überflüssig. Natürlich weiß ich, dass ich das nicht bin. Ich bin der sichere Hafen im Sandkastenmeer. Aber die Möwe kann hier alleine schwimmen. Ich denke, dass der große Akt des Loslassens schon hier beginnt. Unsere Kinder brauchen uns beim Spielen nicht! Zurückhaltung ist eine große Kunst, die wir lernen müssen. Wenn wir sie spielen lassen, haben sie Zeit für sich und wir für uns. Oder meinetwegen auch für unsere Handys.
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Achso, bevor es sich zu idyllisch anhört: Die Nächte waren und sind total beschissen. Ich kann an einer Hand die Nächte abzählen, in denen ich länger als 5 Stunden am Stück schlafen durfte. Aber das schaffen wir auch noch – mit ganz viel Liebe, Geduld und einem Möwenpapa, der mir das Baby nachts mal abnimmt.
Ahoi!
die Möwenmama.

About Florian

Florian, 25 Jahre jung und Vater des Möwenbabys. Zusammen mit der Möwenmama versucht er, den Alltag mit Studium und Kind nicht ins Chaos stürzen zu lassen.

1 comment on “Vom Schreibaby zum Spielekind? Welche Rolle spiele ich als Mama dabei?

  1. Pingback: #meibestElternblogbeitragdeMo April 2016 | Die Kellerbande mit Herz und Seele

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